
Ich weiß, ich bin mittlerweile late to the trend, aber der zweite und letzte Teil der neuen Wicked-Verfilmung wurde Ende November veröffentlicht, nachdem der erste Teil bereits ein Jahr zuvor in den Kinos lief. Die Star-Besetzung mit unter anderem Cynthia Erivo, Ariana Grande, Jeff Goldblum, Michelle Yeoh und sogar dem „Sexiest Man Alive 2025“ Jonathan Bailey ließ wohl kaum etwas zu wünschen übrig. In diesem Beitrag möchte ich allerdings weder den Inhalt spoilern, noch auf all das Drama in den Sozialen Medien, beispielsweise rund um die stark diskutierte Gewichtsabnahme der beiden Hauptdarstellerinnen oder wie „washed out“ die blondierte Ariana Grande mit ihrem blassen rosafarbenen Makeup aussehen würde, eingehen (beide Aussagen kommen nicht von mir, sondern von den Videos, die der Tiktok-Algorithmus mir in meinen Feed spült). Ich möchte vielmehr ein Thema beleuchten, das eine zentrale Rolle der Handlung beider Filme einnimmt, über das in diesem Rahmen aber in meinen Augen zu wenig gesprochen wird: die Hexenverfolgung.
Meine Faszination zum Thema Hexen begann ungefähr in der dritten Klasse als es hieß, man solle sich Themen für Expertenvorträge aussuchen. Ich beschloss, mit meiner Grundschulklasse über das Thema Hexen zu reden und erinnere mich noch, wie (auf schrecklichste Weise) surreal ich es fand, als ich in diesem Kontext erfahren habe, dass es soetwas wie Hexenverfolgung gab. In diesem Jahr bin ich wieder auf das Thema gestoßen, als ich mir selbst das Buch „Witches, Bitches, It-Girls“ von Rebekka Endler zum Geburtstag geschenkt habe. Self Care in Form von feministischer Kampflektüre sozusagen (Kampflektüre klingt hier einfach gut, auch wenn es natürlich überspitzt ist). Endler ordnet in dem rund 40 Seiten langen Kapitel, welches sie der feministischen Aufklärung rund um Hexerei aus historischer und heutiger Sicht widmet, verschiedene Mythen als solche ein, wie vor allem dem in verschiedenen Werken fälschlicherweise dargestellten Zusammenhang zwischen der Hebammenschaft und Hexerei. (Endler 2025, 235ff.) Diesbezüglich klärt sie über das vielverbreitete Buch „Malleus Malefacarum“ (auf Deutsch: „Der Hexenhammer“) aus 1486 und „The Witch Cult in Western Europe“ (auf Deutsch: „Der Hexenkult und Westeuropa“) aus 1921, welche beide in erster Linie falsche Bilder zu Hexen und genau dieses ebenso nicht nachweisbaren Zusammenhangs zwischen der Tätigkeit als Hebamme und des Hexendaseins verbreiten, auf. (Endler 2025, 239ff.)
Der Zweiteiler Wicked spielt in der fiktiven Welt Oz, in der der sogenannte Zauberer von Oz herrscht. Also ist eigentlich sogar der Herrscher dieser Welt ein vermeintlich von der Fantastik geschaffenes Wesen. Wieso ausgerechnet aber die grüne Hexe Elphaba als wicked (auf Deutsch: böse) bezeichnet und verfolgt wird bleibt wohl fraglich. Ob es daran liegt, dass auch die Welt Oz eine patriarchale ist, in der misogyne Denkweisen tief verankert sind? Das mag in diesem Kontext eine einfache Dahinstellung meinerseits sein, aber dass sie wenigstens ein Stück weit auf die Welt, in der wir leben, zutrifft, ist nicht abzustreiten. Claudia Opitz-Belakhal, Professorin für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Basel, welche bereits zum Thema Dämonologie und Geschichte der Hexenverfolgung geforscht und publiziert hat, hat sich mit der spezifischen Frage auseinandergesetzt, ob man die Hexenverfolgung sogar als historischen Femizid* einordnen kann. (Opitz 2023) Opitz wägt die Motive der einerseits aus Frauenfeindlichkeit agierenden Hexenjäger und deren zusätzlich vermutlich stark verwurzelte Machtverlustparanoia und Sexualängste ab und außerdem die misogynen gesellschaftlichen Strukturen, welche schlussendlich die Verfolgung und Ermordung dieser unschuldigen, der Hexerei beschuldigten Frauen möglich machten. Schlussendlich zieht sie tatsächlich das Fazit, dass man Hexenverfolgungen im historischen Kontext sehr wohl als Femizid einordnen kann. Die vorausgesetzte Behaftung eines sündhaften Stereotyps, den man im Gegensatz zu der Hexerei beschuldigten Männern, in erster Linie Frauen und ihrem natürlichen Wesen vorschrieb und somit eine unbeweisbare Annahme als Todesurteil instrumentalisierte, wird in ihrem Text nochmal besonders deutlich. (Opitz 2023)
Und wer bis hierhin dachte, dass Hexenverfolgung nur ein Problem der Vergangenheit ist, liegt leider falsch. Endler nennt „Tansania, Kenia, Nigeria, […] [die] Demokratische Republik Kongo, […] Brasilien, Mexiko, Ostindien und Papua-Neuguinea“ (Endler 2025, 262f.) als Beispielländer für Länder, in denen (in erster Linie) Frauen und Kinder auch heute noch für Naturkatastrophen oder andere weniger beeinflussbare oder sogar unbeinflussbare Umstände des Lebens unter dem Vorwurf der Hexerei zur Verantwortung herangezogen werden. (Endler 2025, 263) Das Hilfswerk missio Aachen führte diesbezüglich ein Interview mit dem Historiker Werner Tschacher, welcher schätzt, dass seit 1960 weltweit mindestens 55 000 Menschen dem Hexenwahn zum Opfer fielen. Bekannte Fälle der Hexenverfolgung wurden bisher in rund 46 Ländern festgestellt und Tschacher vermutet in diesen durch Krisen wie rund um Klimaveränderungen, Epidemien und auch Ressourcenkämpfen sogar einen Anstieg der Opferzahlen. (missio Aachen 2025)
*Ein Femizid ist ein vielseitig diskutierter Begriff (Streuer 2025) mit teilweise recht unterschiedlichen Definitionen. Seine etymologische Herkunft ist das englische Wort „femicide“, welches sich aus dem lateinischen Nomen femina (auf Deutsch: Frau) und Suffix -cidum (in Kombination mit einem vorangestellten Nomen bedeutet es so viel wie Tötung eines/einer […]) zusammensetzt, beschreibt quasi die Tötung einer Frau. (vgl. OED) Oft wird dieses Wort so verwendet, dass das Frausein (indirekt oder direkt) der Grund für die Tötung ist. Dieses Verständnis eines Femizids kann man auf die vorliegende Frage anwenden.
Referenzen
Endler, R. (2025). Bitches, Witches, It-Girls. Rowolth Verlag.
missio Achen (2025). Pressemitteilung: missio Aachen fordert besseren Schutz für Opfer von Hexenwahn. In: https://www.missio-hilft.de/informieren/presse/pressemitteilungen/missio-aachen-fordert-besseren-schutz-fuer-opfer-von-hexenwahn/ (zuletzt abgerufen am 15.12.2025)
Opitz-Belakhal, C. (2023). In: bpb. https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/femizid-2023/519675/hexenverfolgung/#footnote-target-11 (zuletzt abgerufen am 10.12.2025)
Oxford University Press (n.d.). Femicide, n.¹, Etymology. In Oxford English Dictionary. https://doi.org/10.1093/OED/6844644687 (zuletzt abgerufen am 10.12.2025)
Streuer, J. (2025). In: bpb. https://www.bpb.de/themen/gender-diversitaet/femizide-und-gewalt-gegen-frauen/572391/femizide-definition-und-debatte/#footnote-target-1 (zuletzt abgerufen am 10.12.2025)
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